Wer hätte das gedacht: Im ZDF-Wahlforum diskutieren grad die Parteienvertreter kontrovers, streiten sogar und es geht sogar mal darum, wie man den richtigen Kurs für die Zukunft setzt. Ich bin positiv überrascht, denn ich hätte in diesem Wahlkampf nicht mehr damit gerechnet. Merkel und Steinmeier sind allerdings nicht dabei – vielleicht deswegen.
Da ich mich im letzten Artikel zu Steinmeier geäußert habe, werfe ich auch gleich einen Blick auf die Rhetorik unserer Bundeskanzlerin. Gestern hielt Angela Merkel eine Eröffnungsrede bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Wirtschafts- und Finanzpolitik. Schauen wir uns die politischen Aussagen mal an:

“Wir müssen das tun, was dauerhaft gut ist.” ist Merkels Aussage zu nachhaltiger Politik.
“Wir haben jetzt spüren müssen, dass entgrenzte Prozesse zerstörende Wirkung haben können.” sagt sie zur Wirtschaftskrise.
“Ich darf ihnen sagen: Es ist mir ein festes Anliegen, dass wir als Politiker aus dem Erpressungspotenzial einzelner herauskommen.” zum Thema Banken.
In der Sprach-Hypnose nennen wir das Nominalisierungen: Wunderschöne Aussagen, Allgemeinplätze, bei denen jeder, egal welcher politischen Richtung, zustimmen muss. Wunderbar und elegant, denn die Bundeskanzlerin muss sich nicht festlegen.
Oft zitiert wird Franz Müntefering mit seiner Aussage vor drei Jahren: “Ich finde es ungerecht, dass uns die Bevölkerung uns Politiker an unseren Wahlversprechen misst.”. Die Kanzlerin macht es da mit ihrer Rhetorik geschickter. Sie legt sich gar nicht erst auf etwas fest, an dem sie nach der Wahl gemessen werden könnte. Wo nichts zu messen ist, kann niemand etwas übel nehmen.
Politik mit Ecken und Kanten kann und will anecken. Eine Kanzlerin, die sich in Allgemeinaussagen bewegt, hat nichts zu befürchten. Der Kuschelkurs ist praktisch, spendet Trost in Krisenzeiten und tut niemandem weh. Frei nach dem Motto: Geben Sie mir Ihre Stimme, aber erwarten Sie nichts, dann können Sie nicht enttäuscht werden!
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Noch wundere ich mich. In wenigen Wochen ist Bundestagswahl, von der bisher – außer gestohlenen Dienstwagen – noch nicht sehr viel zu spüren ist.
Sonntagabend. RTL Townhall Interview mit dem SPD Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Zuschauer fragen, der Kandidat muss antworten.

Umständlich und gestelzt wirken seine Antworten. Man merkt: Seine Medienberater haben ihm empfohlen, Nachfragen zu stellen, das drückt Publikumsnähe aus. Wirklich interessiert wirkt er allerdings nicht.
Als einziges Highlight des Interviews kommentiert er die Frage nach seinen – im Gegensatz zum Altkanzler Schröder – ergrauten Haaren schlagfertig mit: “Ich färbe jeden Tag nach, weil das Schwarze immer wieder durchkommt.”
Wenn es um politische Aussagen geht, wirkt der Kandidat allerdings eher schwerfällig und ausweichend. Über drei Umwege beantwortet er die Frage nach den 500.000 Arbeitsplätzen, welche die SPD schaffen will. Beim Zuhörer hinterlässt er den Zweifel, ob er selbst daran glaubt.
Dem frisch arbeitslos gewordenen Hertie-Mitarbeiter rät er dann noch: “Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft! Nicht den Kopf hängen lassen! Nach vorne schauen!”. Überzeugend wirkt das leider nicht.
“Sie sind nicht scharf genug. Machen Sie den Schröder nach!” wird ihm da aus dem Publikum geraten. Nun, die gleichen Rhetorik-Trainer scheint der Steinmeyer zu haben. Schließt man die Augen glaubt man doch fast den Altkanzler zu hören. Allerdings nur von der Betonung und den Akzenten. Die argumentative Schlagkraft fehlt Steinmeier.
Am Ende steht der Kandidat allein auf der Bühne. Die Videowand hinter ihm zeigt die Aufschrift “Politikverdrossenheit”. Dieses Bild bleibt.
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