Wie Menschen, die zu sich stehen, unsere Welt prägen

Meine Großtante ist inzwischen über 90 Jahre alt und sie kann vieles, was hier in Deutschland passiert, nicht verstehen. Zum Beispiel ist es ihr ein Rätsel, wie Deutschland von einer Frau regiert werden kann, dass wir mit Guido Westerwelle einen Außenminister hatten, der zu seiner homosexuellen Ausrichtung stand und dass der Finanzminister Wolfgang Schäuble im Rollstuhl sitzt. Zu der Zeit als sie aufwuchs, waren diese Dinge nicht möglich. Minister und Kanzler mussten Dominanz ausdrücken, waren Männer, wehrhaft ohne Behinderung und heterosexuell.

Ihr Wertesystem ist in diesem Punkten anders geprägt als das der Generationen nach ihr. Dass wir heute glücklicherweise vielen Dingen deutlich toleranter gegenüberstehen als die Generationen vor uns, haben wir auch Menschen zu verdanken, die das System hinterfragt haben und zu Ihren Wesensarten voll und ganz stehen. Erst die Frauenbewegung hat es ermöglicht, dass Frau Merkel in der Rolle als Kanzlerin akzeptiert wird. In den 1950er- Jahren wäre das mit dem damaligen Frauenbild noch unvereinbar gewesen. Das öffentliche Bekenntnis prominenter Personen zu ihrer Homesexualität führte dazu, dass diese sexuelle Ausrichtung heute in unserer Gesellschaft akzeptiert ist. Auch körperliche Einschränkungen sind für uns kein Grund mehr, ein hohes Staatsamt in Frage zu stellen. Wertesysteme unterscheiden sich nicht nur zwischen Kulturen, sie unterliegen auch einem Wandel im Laufe der Zeit.

Kommen wir auf Klaus Wowereits Aussage »Ich bin schwul und das ist auch gut so.« zurück. Mit diesem öffentlichen Bekenntnis ging er damals ein hohes Risiko ein. Es war keineswegs klar, wie die Öffentlichkeit darauf reagieren würde. Vor seiner Nominierung als Kandidat zum Amt des regierenden Bürgermeisters wurde auch in der Berliner Parteiführung lange diskutiert. Wowereit galt als das geeignetste Parteimitglied, aber er war ja schwul.

Klaus Wowereit stand mit dieser Aussage zu sich und seiner sexuellen Orientierung. Im Nachhinein war es  politisch ein geschickter Schachzug. Er nahm damit allen Spekulationen und möglichen Anfeindungen zu dem Thema den Wind aus den Segeln. Der Spruch »…und das ist auch gut so.« wurde zu Wowereits Markenzeichen. Er prägte auch den Titel seiner Biografie, die 2009 erschien.

Er machte es damit für nachfolgende Politiker deutlich leichter, selbst zu ihrer Homosexualität zu stehen. Für die gesamte deutsche Homosexuellen-Szene war das ein Befreiungsschlag. Seine spätere Äußerung, Deutschland sei inzwischen reif für einen homosexuellen Kanzler wurde 2007 durch ein Emnid-Umfrage bestätigt. Demnach könne sich 87 Prozent der Deutschen einen solchen Kanzler vorstellen. Nur meine Großtante könnte das ganz sicher nicht verstehen.

Wertesystem und Moralvorstellung sind nur scheinbar fest. Menschen die voll und ganz zu sich stehen, verändern unsere Welt.

Manche Wörter, die man früher nicht hätte laut sagen dürfen, werden heute ohne Bedenken sogar im Fernsehen geäußert. So ändern sich die (Hör-) Gewohnheiten. Foto: peter909 / pixelio.de

Auch im Sprachgebrauch gilt: Was früher verboten war, ist heute schon geläufig. Foto: peter909 / pixelio.de

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