Nehmen Sie jedes Angebot als ein Geschenk an

Stellen Sie sich vor, auf einer Improvisationstheater-Bühne würden Sie folgende Szene sehen:

Ein Spieler steht auf der Bühne. Pantomimisch stellt er dar, dass er leidenschaftlich auf einen runden Gegenstand in seiner Hand schaut. Liebevoll streichelt er über das runde Objekt. Ein zweiter Spieler kommt dazu und sagt: »Hallo, Peter. Super, Du hast Deine Glaskugel dabei und kannst uns einen Blick in die Zukunft geben.«
Spieler 1 antwortet: »Nein, das ist doch unser Fußball, mit dem unsere Mannschaft Weltmeister werden soll.«

Aus Sicht der Zuschauer ist der Zauber der Szene dahin. Die Illusion, dass es sich hier um zwei Figuren in derselben Szene handelt, ist verschwunden. Es wird klar, dass die beiden Schauspieler darum kämpfen, wer von beiden Recht hat. Im Improvisationstheater beobachten wir, dass insbesondere Anfänger dazu neigen, Ihre eigenen Ideen durchsetzen zu wollen. Das liegt daran, dass wir gern an unseren eigenen Ideen festhalten, denn das ist der vermeintlich sicherere Weg. Allerdings verstellt er auch Weiterentwicklungen und blockiert den kreativen Prozess.

In diesem Beispiel war bis zu dem Zeitpunkt, an dem der zweite Spieler zu der Szene hinzu kam, alles offen. Der Gegenstand in der Hand des ersten Spielers konnte irgendetwas Rundes sein: Ein Ball, eine Glaskugel, eine Melone, ein Globus. Solange keine Definition getroffen wurde, war es freigestellt. Keiner der Spieler kann beurteilen, ob die eine Interpretation besser ist für eine spannende Szene auf der Bühne als die andere.

Beim Improvisationstheater haben wir ein Handlungsprinzip: Nimm jede neue Idee als Geschenk an. Auf der Bühne greifen wir die Ideen der Mitspieler auf und als Mitspieler fühle ich mich beschenkt und bereichert durch die Ideen der anderen Mitspieler. So kann am Ende aus vielen Ideen etwas ganz Neues entstehen, mit dem vorher keiner von uns gerechnet hat. Wie könnte sie verlaufen, wenn dieses Prinzip beachtet wird?

Wir betrachten die kleine Szene in ein paar Tagen noch einmal unter diesem Gesichtspunkt.

 

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Glaskugeln oder Fußbälle?
birgitH  / pixelio.de

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